Warum stoppten die Behörden Sasha I. nicht?

Warum stoppten die Behörden Sasha I. nicht? Auf VKontakte offenbarte der Angreifer von Flums seine Gewaltfantasien. Der Schulpsychologische Dienst hatte keine Kenntnis des Profils.

 

 

Sasha I. soll am Sonntagabend (22. Oktober 2017) in Flums SG mehrere Menschen mit einer Axt verletzt haben.Ein ehemaliger Schulkollege erzählt, dass I. in Lettland kaum Freunde hatte.Sasha I. ging am Sonntag wahllos auf die Passanten los.Zuerst geht der 17-jährige Lette im Dorfzentrum auf Passanten los: Der Postplatz von Flums SG. (22. Oktober 2017)Ein Grossaufgebot der Polizei ist vor Ort. (Bild: Leserreporter 20 Minuten)Der Täter konnte nach einem Schusswaffeneinsatz durch die Polizei angehalten und festgenommen werden. (Bild: Leserreporter 20 Minuten)Zweiter Tatort: Vor einer Tankstelle in Flums hat es eine Blutlache.

 

Auf dem russischen Facebook VKontakte hatte Sasha I.*, der am Sonntag in Flums mehrere Personen mit einem Beil attackiert hat, verstörende Einblicke in seine Persönlichkeit gegeben. Als Tätigkeit gab er auf der Plattform «Gewalt und Tötung von Kleinkindern» an, seine Firma heisst «Kinderschlachterei AG» und zu seinen Interessen gehören «Genozid».

 

Sasha I.* war den Behörden bekannt: In der technischen Berufsschule fiel er wegen «Gewaltfantasien» auf. Zudem hat er geprahlt, dass er Waffen besitze. Darauf folgte eine «psychologische Bedrohungseinschätzung» der Kriseninterventionsgruppe des Schulpsychologischen Dienstes. Laut Ralph Wettach, Direktor des Schulpsychologischen Dienstes des Kantons St. Gallen, hatte der Dienst zum Zeitpunkt der Abklärung keine Kenntnis des VKontakte-Profils. 

 

«Eine solche Prüfung ist nicht seriös»

 

Dass die deutlichen Äusserungen von Sasha I. im Netz trotz Bedrohungseinschätzung den Behörden nicht aufgefallen waren, sorgt für Kritik. Für FDP-Nationalrat Marcel Dobler ist es unverständlich, warum bei einer Personenüberprüfung die sozialen Medien oder die gängigsten Suchmaschinen nicht durchforstet wurden. «Eine Überprüfung einer auffälligen Person, die die diese Plattformen nicht einbezieht, ist nicht seriös.» 

Natürlich müsse man sich fragen, wie viel Zeit die Behörden für solche Überprüfungen aufwenden könnten, sagt Dobler. «In 15 Minuten ist es natürlich unmöglich, alle Profile einer Person durchzustöbern.» Aber bei einer grösseren Abklärung, wie man sie im Fall von Sascha I. erwarten dürfte, gehöre die Prüfung der bekanntesten Social-Media-Kanäle zum Standardprogramm. 

 

Muss nun das Personal geschult werden? 

 

Für Dobler ist nun zu prüfen, dass die Prozesse bei den Schulpsychologischen Diensten angepasst werden. «Die wichtigsten Handgriffe im Umgang mit Social-Media-Kanälen müssen sitzen.» Um dies sicherzustellen, müsse das Personal entsprechend ausgebildet und allenfalls die Handbücher ergänzt werden. 

Auch Sascha Schmid, Präsident der Jungen SVP St. Gallen, findet: «Die Digitalisierung macht auch vor den Behörden nicht halt. Offenbar sind einige Dienste noch nicht in der Neuzeit angekommen.»

Gerade vor dem Hintergrund, dass Sascha I. lettischer Herkunft sei, wäre die Suche im russischen VKontakte naheliegend gewesen. «Ich erwarte gerade von einem Kriseninterventionsteam, das sich aus Psychologen und Sozialarbeitern zusammensetzt, dass diese Fachpersonen auch kompliziertere Recherchen durchführen können. Diese Fähigkeiten sollten bereits in der Ausbildung oder spätestens beim Eintritt in den Schulpsychologischen Dienst geprüft werden», sagt Schmid. 

 

«Trotz aller Vorsicht können nicht alle Täter erkannt werden»

 

«Natürlich sammeln wir auch immer im Internet Informationen», erklärte Ralph Wettach, Direktor des Schulpsychologischen Dienstes des Kantons St. Gallen, auf Anfrage. «Wie wir schrecklich erfahren mussten, können trotz aller Vorsicht, Erfahrung und Zusammenarbeit nicht alle späteren Täter erkannt werden.» Man werde den Fall nun analysieren und abklären, wie alles abgelaufen sei. 

Bei der Abklärung des Kriseninterventionsteams sei die Person selbst, aber auch ihr Umfeld befragt worden. «Es fanden im aktuellen Fall mehrere Sitzungen statt, in denen geklärt wurde, ob der junge Mann Gewaltfantasien hat, ob er sich von Gewalt distanzieren kann, wie seine psychische Verfassung ist, welche Zukunftsperspektiven er hat und ob konkrete Drohungen ausgesprochen wurden», so Wettach. 

 

Abklärungen sind für Psychiater eine Gratwanderung

 

Der forensische Psychiater Josef Sachs betont, eine solche Abklärung, wie sie im Fall von Sasha I. stattgefunden hat, sei immer eine Gratwanderung. «Wenn etwa jemand noch nie auffällig geworden ist und mit einem Amoklauf droht, ist eine Beurteilung riskant.» 

Zu einem ähnlichen Schluss kommt Elmar Habermeyer, Direktor der Klinik für Forensische Psychiatrie der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich: Ein Psychiater habe bei einem womöglich gefährlichen Patienten nur die Wahl zwischen zwei falschen Entscheiden, so Habermayer: dem Einsatz von Medikamenten gegen den Willen des Patienten und dem Risiko, dass man ihm Verantwortungslosigkeit vorwerfe. «Wird ein psychisch auffälliger Mensch, der in Behandlung war, später einmal gewalttätig, heisst es: Wen habt ihr denn da laufen lassen?»

 

Originalartikel auf 20Minuten

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