"Aufhören mit dem Selbstmitleid"

Die Expo 2027 ist vom Tisch. St. Galler und Thurgauer wollen nichts wissen von einer Landesausstellung in der Ostschweiz. Sie schicken die Planungskredite bachab. Die Expo-Kritiker rufen die Region zu mehr Selbstbewusstsein auf.

 

REGULA WEIK

 

ST. GALLEN. Er hatte vehement gegen die Idee einer Expo in der Ostschweiz gewettert. Er redete sich auf Podien ins Feuer, wirbelte mit Händen und Zahlen. Mit hohen Zahlen. Schätzungen. Keine fixen Beträge. «Ob es am Ende wenige Dutzend oder ein paar hundert Millionen gewesen wären, egal. Es ist so oder anders zu viel Geld für ein Sommerfest», sagt Toni Thoma, SVP-Kantonsrat und Co-Präsident des St. Galler Komitees «Expo Nein». Und vor allem: «Geld, das wir nicht haben.» Kosten und Nutzen stünden bei einer Landesausstellung in keinem Verhältnis – und: Die Expo-Pläne zeugten von «einem falschen Umgang mit Geld». Geld, welches der Bürger – «wir reden immer auch von unseren Steuergeldern» – und der Staat nicht hätten. «Es stehen uns andere, gröbere Belastungen ins Haus.» Pensionskasse, Krankenkassenprämien, um nur wenige zu nennen. Die Deutlichkeit des Resultats – die St. Galler Stimmberechtigten lehnten den Fünf-Millionen-Planungskredit mit 60,3 Prozent ab – überrascht Thoma dennoch. «Das Ergebnis macht Freude.»

Ein Blick auf die Detailergebnisse zeigt: Nur zwei Gemeinden im Kanton haben dem Expo-Kredit zugestimmt: Mörschwil und Rorschach. Von dem im Vorfeld der Abstimmung befürchteten Nord-Süd-Graben keine Spur; der Tenor ist im ganzen Kanton einhellig – nein. Auch die Stadt St. Gallen – wenn auch knapp – wischt die Expo vom Tisch.

Thomas Müller will die kantonale Abfuhr für die Expo-Idee in der Ostschweiz zuerst gar nicht glauben. «Das gibt es nicht.» Wie erklärt sich der SVP-Nationalrat und Rorschacher Stadtpräsident das zustimmende Resultat seiner Gemeinde: «Wir stehen generell vor einem Turnaround. Es gibt in Rorschach derart viele Veränderungen. Wir schauen mehr vorwärts als zurück.»

 

«Wie auf einem Basar»

 

«Ein Nein ist ein Nein, ob es mit 51 oder 60 Prozent zustande kommt», sagt Patrick Dürr, Präsident des Komitees Chance Expo Kanton St. Gallen. «Das Resultat ist ein klares Verdikt.» Die Grundstimmung sei vor der Abstimmung «negativ und sehr kritisch», die Bevölkerung verunsichert gewesen. Die Gegner des Kredits hätten mit «hohen Beträgen operiert, die jeglicher Grundlage entbehrten»; sie hätten Zahlen «herumgeboten wie auf einem Basar». Und über drohende Steuererhöhungen spekuliert. «Das hat verfangen.»

 

Der Jammer-Leier müde

 

Dürr ist überzeugt: «Das Nein ist ein Rückschlag für die Weiterentwicklung der Region Ostschweiz.» Die Expo wäre «eine Chance gewesen, sich als Landesteil ins Schaufenster zu stellen». Da seien nun auch die Kritiker in der Pflicht, konkrete Ideen vorzubringen, wie sich die Ostschweiz positionieren soll. «Sie argumentierten stets, das Geld müsse vernünftiger und sinnvoller eingesetzt werden, um die Ostschweiz vorwärts zu bringen.» Nun seien sie den Beweis dafür schuldig. «Jetzt muss von den Gegnern etwas kommen», sagt Dürr.

Thoma ist um eine Antwort nicht verlegen: gute Ausbildungsplätze, guter öffentlicher Verkehr, gute Gesundheitsversorgung – kurz: gute Infrastruktur. Damit komme auch das Selbstwertgefühl, nämlich dann, «wenn wir uns wohl fühlen, wenn wir einen Job haben, Geld verdienen und uns etwas leisten können».

Definitiv müde ist Thoma der «ewigen Leier» des Nicht-Wahrgenommen-Werdens. «Wer nimmt uns denn nicht wahr? Das politische Establishment in Bern?», fragt er zurück. Für ihn ist klar: «Wir müssen endlich mit dem ewigen Selbstmitleid aufhören. Das haben wir nicht nötig. Und das bremst uns nur.»

 

Politiker fern vom Volk

 

Für Esther Friedli – wie Thoma Co-Präsidentin des St. Galler Komitees «Expo nein» – zeugt das Abstimmungsergebnis auch «von einem Graben zwischen dem politischen Establishment und den Bürgerinnen und Bürgern». Dieses müsse über die Bücher gehen und sich ernsthaft fragen: «Spüren wir die Anliegen der Bevölkerung noch?» Sie sei viel unterwegs und mache dabei die Erfahrung: Die Ostschweizerinnen und Ostschweizer kämen sich vom Rest der Schweiz nicht derart «vernachlässigt» vor, wie ihnen die Politiker weismachen wollten. «Wir legen uns damit selber einen Stein in den Weg. Wir sollten nicht dauernd selber kolportieren, dass sie Schweiz in Winterthur aufhört.»

 

Springen andere auf?

 

Thoma glaubt nicht, dass nun eine andere Region oder ein anderer Kanton die Expo-Idee aufgreifen werde. «Es ist keine Staatsausgabe, eine Expo zu veranstalten, um die Bürger zusammenzuführen.» Er ist überzeugt: «Eine Expo passt nicht mehr in die heutige Zeit. Das ist hinausgeworfenes Geld.» Esther Friedli pflichtet ihm bei: «Die Expo ist eine Idee des vorletzten Jahrhunderts.»

Dürrs Einschätzung ist eine andere. Die Idee einer Landesausstellung würde nun rasch von anderen Regionen der Schweiz aufgenommen. Und wie geht es in der Ostschweiz weiter? «Der Entscheid ist gefällt, das Geschäft ist vom Tisch und abgeschlossen.» Die Trägerkantone Appenzell Ausserrhoden, St. Gallen und Thurgau lösen die Projektorganisation auf.

 

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